Drei Phasen der Erholung

nach peripherer Fazialisparese

Nach einer Schädigung des Nervus facialis erholt sich das Gesicht in der Regel in drei aufeinanderfolgenden Phasen. Wie lange jede Phase dauert und wie vollständig die Erholung am Ende ausfällt, hängt in erster Linie vom Schweregrad der Nervenschädigung und nicht ausschliesslich von der zugrunde liegenden Ursache ab.

  • Nach einer leichten Nervenschädigung ist eine vollständige Heilung typischerweise nach etwa 3 Monaten möglich. 
  • Nach einer mittelschweren oder schweren Nervenschädigung entwickelt sich eine inkomplette Heilung. Im deutschen Sprachraum spricht man dann von einer Defektheilung oder einer chronischen Fazialisparese. Diese beinhaltet Restschwächen und Synkinesien (unwillkürliche Mitbewegungen). Die schrittweise Besserung bis zu einer chronischen Parese dauert häufig bis zu 24 Monaten. 

 

Phasen der Erholung

Fazialisparese im zeitlichen Verlauf ai-generated sho
Fazialisparese im zeitlichen Verlauf ai-generated sho

linksseitige Gesichtslähmung im zeitlichen Verlauf 

Phase 1: Paralyse (vollständiger Ausfall)

Die Gesichtsmuskulatur einer Seite ist komplett gelähmt: Alle Muskeln sind schlaff, die betroffene Seite fühlt sich schwer und unbeweglich an. In Ruhe und bei Bewegung entsteht eine deutliche Asymmetrie im Vergleich zur nicht-betroffenen Gesichtshälfte.

 

 

Prognostisch wichtig: Je früher erste Bewegungen zurückkehren, desto besser sind die Erholungschancen. Beginnt die Erholung innerhalb von 3 Wochen, ist meist mit einer vollständigen Heilung zu rechnen; setzt sie erst nach 2–4 Monaten ein, steigt das Risiko für bleibende Schwäche und Synkinesien deutlich.


Phase 2: Parese (beginnende Reinnervation)

Der Nerv beginnt im Verlauf der Reinnervation, die einzelnen Gesichtsmuskeln wieder zu versorgen: Muskeltonus und einzelne willkürliche Bewegungen kehren schrittweise zurück, das Gesicht wird in Ruhe und in Bewegung zunehmend symmetrischer. Bei vorhandenen Restsymptomen spricht man von einem paretischen (teilgelähmten) Muskel bzw. Gesicht.

 

 

Prognostisch wichtig: War die Paralyse-Phase kurz oder ist nie eine vollständige Lähmung aufgetreten, ist die Prognose besser als nach einer langen paralytischen Phase.


Phase 3: Chronische Phase (aberrante Regeneration)

Nach einer gravierenden Nervenschädigung ist ein Neuausspriessen der Axone nötig. Wachsen Nervenfasern beim Neuaussprossen in die "falsche" Richtung, sprechen Fachleute von aberranter Reinnervation. Ein Nervenfaser-Bündel, das zuvor z. B. den Lidschluss steuerte, kann so fälschlich in die Mundregion einwachsen. Die Folge sind unwillkürliche Mitbewegungen (Synkinesien) – etwa ein Augenzucken beim Lächeln oder eine zuckende Wange beim Blinzeln. Synkinesien betreffen einen relevanten Teil der Betroffenen mit längerer Erholungsphase.

 

Prognostisch wichtig: Synkinesien lassen sich durch gezielte, individuell angepasste Therapie deutlich reduzieren. In manchen Fällen unterstützt der Einsatz von Botulinumtoxin dabei, ungewollte Mitbewegungen abzuschwächen.



Phasengerechte Interventionen einer Gesichtstherapie

Die Behandlung richtet sich nach der aktuellen Regenerationsphase und wird individuell auf Beschwerden und Ziele der Patientin/des Patienten abgestimmt

 

Therapieschwerpunkte:

  • Paralyse: Schutz des Auges, Aufklärung, Massagen, Beobachtung, keine aktiven Bewegungsübungen (!)
  • Parese: Gezielter Bewegungsaufbau, symmetrisches/anstrengungsloses Training
  • Synkinesien: Neuromuskuläres Retraining, Reduktion von Mitbewegungen, ggf. Botulinumtoxin

 


Zusammenarbeit verschiedener Disziplinen

Bei komplexeren Verläufen wie bleibender Schwäche, Problemen rund ums Auge oder ausgeprägten Synkinesien hat sich die enge Zusammenarbeit mehrerer Fachdisziplinen bewährt. Je nach Beschwerdebild können u. a. HNO- und Augenärzt:innen, Neurolog:innen, Physio- und Ergotherapeut:innen, Logopäd:innen sowie – bei psychischer Belastung – Psychotherapeut:innen beteiligt sein.

 

möglicherweise involvierte Fachdisziplin: