prognose und verlauf

Wie schnell und wie vollständig sich eine periphere Fazialisparese zurückbildet, lässt sich nicht pauschal vorhersagen. Der Verlauf hängt von mehreren Faktoren ab – vor allem aber vom Ausmass der Nervenschädigung.

Faktoren, die die Erholung beeinflussen

Die Geschwindigkeit und Vollständigkeit der Erholung nach der Diagnose einer peripheren Fazialisparese hängen unter anderem von folgenden Faktoren ab:

 

  • Ursache der Lähmung
  • Schweregrad der Nervenschädigung – dies ist der wichtigste Einflussfaktor (siehe unten)
  • Allgemeinzustand und Begleiterkrankungen der Patient:in
  • Alter der Patient:in – die Chance auf eine vollständige Erholung sinkt mit zunehmendem Alter leicht
  • Zeitpunkt und Art der Behandlung – wird beispielsweise bei einer Bell'schen Lähmung rasch (idealerweise innerhalb von 72 Stunden) mit Kortison behandelt, verbessert dies die Aussicht auf eine vollständige Erholung spürbar

Die Prognose der Bell'schen Lähmung ist insgesamt gut: In der grössten bisher durchgeführten Verlaufsstudie (über 1000 unbehandelte Patient:innen) zeigten sich bei 85 % erste Anzeichen einer Besserung bereits innerhalb von drei Wochen, bei den übrigen 15 % innerhalb von drei bis sechs Monaten. Insgesamt erreichten 71 % der Patient:innen eine vollständig normale Gesichtsfunktion zurück, bei weiteren 13 % blieben nur geringfügige Restsymptome zurück. Andere, neuere Übersichtsarbeiten bestätigen, dass mehr als zwei Drittel der Betroffenen eine vollständige spontane Erholung erreichen – mit rascher Kortisonbehandlung liegt die Rate deutlich höher.

Andere Ursachen einer peripheren Fazialisparese wie etwa das Ramsay-Hunt-Syndrom, eine Borreliose nach Zeckenbiss oder eine Gesichtslähmung nach einer Tumoroperation – gehen im Durchschnitt mit einer geringeren Chance auf eine rasche und vollständige Genesung einher als die Bell'sche Lähmung.

Letztlich entscheidend für Tempo und Ausmass der Erholung ist jedoch nicht die Ursache allein, sondern der Schweregrad der Nervenschädigung.


Schweregrad der Nervenschädigung

Wie stark eine Nervenzelle geschädigt ist, hat einen entscheidenden Einfluss auf Tempo und Vollständigkeit der Erholung. In der Medizin wird dazu häufig die Einteilung nach dem britischen Chirurgen H. Seddon verwendet. Diese Einteilung hilft, den zu erwartenden Verlauf grob abzuschätzen – individuelle Abweichungen sind jedoch immer möglich.

normale Nervenzelle ai-generated by sho
normale Nervenzelle ai-generated by sho

NEUROPRAXIE

leichte Form einer Schädigung

vorübergehender Reiz-Leitungsblock
vorübergehender Reiz-Leitungsblock
Fuss auf dem Gartenschlauch
AI generated by sho

Druck zum Beispiel durch eine entzündungsbedingte Schwellung kann die Myelinscheide, welche das Axon umhüllt, leicht schädigen. Dadurch entsteht ein vorübergehender Leitungsblock: Der Nerv kann für einige Tage oder Wochen keine Signale mehr weiterleiten, das Axon selbst bleibt aber intakt.

Das lässt sich mit einem Fuss vergleichen, der auf einem Gartenschlauch steht: Solange der Fuss dort steht, fliesst kein Wasser. Sobald das Gewicht weg ist, fliesst es sofort wieder ungehindert. Genauso sendet ein vorübergehend blockierter Nerv nach einigen Tagen oder Wochen wieder normale Signale an die Gesichtsmuskulatur.

Diese milde Form der Nervenschädigung wird NEUROPRAXIE genannt. Eine rasch eingeleitete medikamentöse Behandlung kann helfen, eine schwerwiegendere Schädigung des Axons zu verhindern.

 

Faustregeln zur Erholung nach Neuropraxie (individuelle Abweichungen sind möglich):

 

  • Erste Bewegungen kehren innerhalb von Tagen bis Wochen zurück
  • Vollständige Erholung meist innerhalb von drei bis sechs Monaten, häufig schneller
  • In der Regel bleiben keine Restsymptome zurück


Axonotmesis

mittelgradige Form einer Schädigung

Schädigung Axon und Myelinscheide bei Erhalt der Hülle
Schädigung Axon und Myelinscheide bei Erhalt der Hülle
dürrer Ast einer Pflanze
AI generated by sho

Wirken stärkere Kräfte auf den Nerv etwa durch eine ausgeprägte Entzündung, einen Schädelbruch oder einen Tumor, kann das Axon im Inneren des Nervs geschädigt werden, während die äussere Hülle (das Endoneurium) erhalten bleibt. Die Nervenleitung ist dann für längere Zeit unterbrochen.

Das lässt sich mit einem geknickten Pflanzenästchen vergleichen: Der vordere, abgeknickte Teil stirbt ab. Genau wie eine Pflanze aber neue Triebe bilden kann, sprossen auch die geschädigten Axone in der Regel wieder entlang der erhaltenen Hülle, die ihnen dabei als Leitschiene dient, aus. Da dieser Wachstumsprozess Zeit braucht, dauert auch die Erholung entsprechend länger.

Dieser stärkere Schaden am Axon bei erhaltener Nervenhülle wird AXONOTMESIS genannt.

 

Faustregeln zur Erholung nach Axonotmesis (individuelle Abweichungen sind möglich):

 

  • Erste Bewegungen kehren nach drei Monaten oder später zurück
  • Die Erholung dauert oft ein Jahr oder länger
  • Es ist meist eine unvollständige Erholung mit bleibenden Restsymptomen zu erwarten
  • Wachsen Axone während der Regeneration in eine "falsche" Richtung, kann es zu unwillkürlichen Mitbewegungen kommen – sogenannten Synkinesien
  • Typische Synkinesien sind zum Beispiel eine Verengung des Auges beim Essen oder ein Mitzucken der Wange beim Blinzeln


Neurotmesis

schwere Form einer Schädigung

komplette Durchtrennung der Nervenfaser samt Hülle
komplette Durchtrennung der Nervenfaser samt Hülle
Symbolbild oro-oculäre Mitbewegung AI generated by sho
Symbolbild oro-oculäre Mitbewegung AI generated by sho

Wird der Nerv etwa durch einen Unfall oder eine Operation vollständig durchtrennt (Axon und umhüllende Struktur), sprechen Fachleute von einer NEUROTMESIS. In diesem Fall können die Axone nicht mehr von selbst zum Muskel hin auswachsen, da ihnen die "Leitschiene" der Hülle fehlt, der sie folgen könnten. Ohne chirurgische Wiederherstellung der Nervenkontinuität findet daher keine Erholung statt.

Je früher nach einer Nervenverletzung eine Nervennaht oder -rekonstruktion durchgeführt wird, desto günstiger ist die Prognose.

 

Faustregeln zur Erholung nach Neurotmesis:

 

  • Ohne chirurgische Intervention ist keine Erholung zu erwarten: das Gesicht bleibt dauerhaft schlaff
  • Je nach Art und Lage der chirurgischen Wiederherstellung kann die erste sichtbare Bewegung drei bis sechs Monate oder länger auf sich warten lassen
  • Es ist immer eine unvollständige Erholung zu erwarten
  • Es kommt praktisch immer zu Synkinesien / unwillkürlichen Mitbewegungen, z. B. einem Mitblinzeln beim Lächeln oder einer Verengung der Lidspalte beim Essen oder Sprechen


Klinische Schweregrad-Skalen

Ausschnitt aus einem klinischen Bogen (Sunnybrook Score)
Ausschnitt aus einem klinischen Bogen (Sunnybrook Score)

Um den Schweregrad einer Fazialisparese zu dokumentieren und den Verlauf zu verfolgen, verwenden Fachpersonen in der Praxis häufig standardisierte Skalen wie das House-Brackmann-System (6-stufige Einteilung von normal bis vollständig gelähmt) oder das feinere Sunnybrook Facial Grading System. Diese Skalen ersetzen nicht die individuelle Einschätzung durch die behandelnde Fachperson, helfen aber, den Verlauf über die Zeit vergleichbar zu machen.