Wie schnell und wie vollständig sich eine periphere Fazialisparese zurückbildet, lässt sich nicht pauschal vorhersagen. Der Verlauf hängt von mehreren Faktoren ab – vor allem aber vom Ausmass der Nervenschädigung.
Die Geschwindigkeit und Vollständigkeit der Erholung nach der Diagnose einer peripheren Fazialisparese hängen unter anderem von folgenden Faktoren ab:
Die Prognose der Bell'schen Lähmung ist insgesamt gut: In der grössten bisher durchgeführten Verlaufsstudie (über 1000 unbehandelte Patient:innen) zeigten sich bei 85 % erste Anzeichen einer Besserung bereits innerhalb von drei Wochen, bei den übrigen 15 % innerhalb von drei bis sechs Monaten. Insgesamt erreichten 71 % der Patient:innen eine vollständig normale Gesichtsfunktion zurück, bei weiteren 13 % blieben nur geringfügige Restsymptome zurück. Andere, neuere Übersichtsarbeiten bestätigen, dass mehr als zwei Drittel der Betroffenen eine vollständige spontane Erholung erreichen – mit rascher Kortisonbehandlung liegt die Rate deutlich höher.
Andere Ursachen einer peripheren Fazialisparese wie etwa das Ramsay-Hunt-Syndrom, eine Borreliose nach Zeckenbiss oder eine Gesichtslähmung nach einer Tumoroperation – gehen im Durchschnitt mit einer geringeren Chance auf eine rasche und vollständige Genesung einher als die Bell'sche Lähmung.
Letztlich entscheidend für Tempo und Ausmass der Erholung ist jedoch nicht die Ursache allein, sondern der Schweregrad der Nervenschädigung.
Wie stark eine Nervenzelle geschädigt ist, hat einen entscheidenden Einfluss auf Tempo und Vollständigkeit der Erholung. In der Medizin wird dazu häufig die Einteilung nach dem britischen Chirurgen H. Seddon verwendet. Diese Einteilung hilft, den zu erwartenden Verlauf grob abzuschätzen – individuelle Abweichungen sind jedoch immer möglich.

leichte Form einer Schädigung


Druck zum Beispiel durch eine entzündungsbedingte Schwellung kann die Myelinscheide, welche das Axon umhüllt, leicht schädigen. Dadurch entsteht ein vorübergehender Leitungsblock: Der Nerv kann für einige Tage oder Wochen keine Signale mehr weiterleiten, das Axon selbst bleibt aber intakt.
Das lässt sich mit einem Fuss vergleichen, der auf einem Gartenschlauch steht: Solange der Fuss dort steht, fliesst kein Wasser. Sobald das Gewicht weg ist, fliesst es sofort wieder ungehindert. Genauso sendet ein vorübergehend blockierter Nerv nach einigen Tagen oder Wochen wieder normale Signale an die Gesichtsmuskulatur.
Diese milde Form der Nervenschädigung wird NEUROPRAXIE genannt. Eine rasch eingeleitete medikamentöse Behandlung kann helfen, eine schwerwiegendere Schädigung des Axons zu verhindern.
Faustregeln zur Erholung nach Neuropraxie (individuelle Abweichungen sind möglich):
mittelgradige Form einer Schädigung


Wirken stärkere Kräfte auf den Nerv etwa durch eine ausgeprägte Entzündung, einen Schädelbruch oder einen Tumor, kann das Axon im Inneren des Nervs geschädigt werden, während die äussere Hülle (das Endoneurium) erhalten bleibt. Die Nervenleitung ist dann für längere Zeit unterbrochen.
Das lässt sich mit einem geknickten Pflanzenästchen vergleichen: Der vordere, abgeknickte Teil stirbt ab. Genau wie eine Pflanze aber neue Triebe bilden kann, sprossen auch die geschädigten Axone in der Regel wieder entlang der erhaltenen Hülle, die ihnen dabei als Leitschiene dient, aus. Da dieser Wachstumsprozess Zeit braucht, dauert auch die Erholung entsprechend länger.
Dieser stärkere Schaden am Axon bei erhaltener Nervenhülle wird AXONOTMESIS genannt.
Faustregeln zur Erholung nach Axonotmesis (individuelle Abweichungen sind möglich):
schwere Form einer Schädigung


Wird der Nerv etwa durch einen Unfall oder eine Operation vollständig durchtrennt (Axon und umhüllende Struktur), sprechen Fachleute von einer NEUROTMESIS. In diesem Fall können die Axone nicht mehr von selbst zum Muskel hin auswachsen, da ihnen die "Leitschiene" der Hülle fehlt, der sie folgen könnten. Ohne chirurgische Wiederherstellung der Nervenkontinuität findet daher keine Erholung statt.
Je früher nach einer Nervenverletzung eine Nervennaht oder -rekonstruktion durchgeführt wird, desto günstiger ist die Prognose.
Faustregeln zur Erholung nach Neurotmesis:
Um den Schweregrad einer Fazialisparese zu dokumentieren und den Verlauf zu verfolgen, verwenden Fachpersonen in der Praxis häufig standardisierte Skalen wie das House-Brackmann-System (6-stufige Einteilung von normal bis vollständig gelähmt) oder das feinere Sunnybrook Facial Grading System. Diese Skalen ersetzen nicht die individuelle Einschätzung durch die behandelnde Fachperson, helfen aber, den Verlauf über die Zeit vergleichbar zu machen.
